Du hast einen fachlichen Gedanken verstanden, aber dein Satz klingt schwerfällig? Beim Überarbeiten lohnt sich eine einfache Frage: Können andere erkennen, was du behauptest, worauf du dich stützt und wo die Aussage endet? Der Leitfaden Wissenschaftssprache der Universität Wien stellt Präzision und Verständlichkeit in den Mittelpunkt. Dieser Artikel zeigt dir einen eigenen Arbeitsweg mit Beispielen, den du auf deinen selbst verfassten Text anwenden kannst.
Zu den Beispielen: Alle folgenden Sätze, Zahlen und Untersuchungssituationen sind frei erfunden. Sie erläutern sprachliche Entscheidungen und berichten keine tatsächlichen Forschungsergebnisse.
1. Benenne genau, was du meinst
Fachbegriffe können genauer sein als Alltagssprache. Entscheidend ist, dass dein Text erklärt, wie du einen Begriff verwendest. Der Wiener Leitfaden empfiehlt, grundlegende Definitionen festzulegen und die Bezeichnung anschließend konsistent zu verwenden. Übernimmst du eine Definition aus der Literatur, braucht sie einen passenden Quellenbeleg.
Unklar: „Die digitale Nutzung nahm deutlich zu.“
Präziser: „In den späteren untersuchten Wochen öffneten die 20 Teilnehmenden die Lernplattform häufiger als in der ersten Woche.“
Die zweite Fassung nennt Personengruppe, Gegenstand und Vergleich. Noch offen bleibt, wie häufig die Plattform geöffnet wurde. Wenn diese Information für dein Argument wichtig ist, ergänze die belegten Werte. Tausche „Nutzung“ anschließend nicht wahllos gegen „Akzeptanz“ oder „Lernerfolg“ aus: Das Beispiel erfasst Öffnungen, keine Bewertung und kein Lernergebnis.
2. Begrenze deine Aussage auf das untersuchte Material
Schreibe zuerst eine knappe Notiz: Was weiß ich aus meinem Material tatsächlich? Vergleiche diese Notiz mit dem Satz im Entwurf. Eine Aussage über eine bestimmte Gruppe sollte ihre Grenze sichtbar behalten. Die folgende Unterscheidung ist ein eigenes Denkbeispiel, keine Bewertung einer realen Studie.
Zu weit: „Kurze Anleitungen verhindern Bedienfehler.“
Näher am fiktiven Material: „In diesem Test mit zwölf Personen traten bei der kürzeren Anleitung weniger Bedienfehler auf als bei der längeren.“
Der zweite Satz benennt die Situation und den Vergleich. Er sagt noch nicht, warum sich die Ergebnisse unterschieden oder ob sie auf andere Gruppen übertragbar sind. Für solche weitergehenden Aussagen müsstest du den Untersuchungsaufbau und weitere Belege prüfen. Sprachlicher Feinschliff kann fehlende Grundlagen nicht ersetzen. Lass Wörter wie „beweist“, „immer“ und „eindeutig“ nur stehen, wenn du ihre Stärke begründen kannst.
Fehlt dir die Grundlage, hilft zuerst eine gezielte Nachsuche. Der Ratgeber zur systematischen Planung einer Literaturrecherche zeigt, wie du eine Suchfrage eingrenzt.
3. Prüfe, wo ein Verb die Handlung klärt
Eine Kette aus Nomen kann verdecken, wer etwas tut. Das Handout Der Nominalstil: Freund oder Feind? von Michaela Kurcsics erläutert beide Seiten: Nominalisierungen können Informationen verdichten, bei übermäßiger Verwendung aber Beziehungen unklar machen. Prüfe deshalb die Funktion im konkreten Satz.
Schwerfällig: „Nach Durchführung der Sichtung der Protokolle erfolgte die Zuordnung der Aussagen zu Kategorien.“
Klarer, sofern die Rollen stimmen: „Nach der Sichtung der Protokolle ordnete das Forschungsteam die Aussagen den Kategorien zu.“
Die Überarbeitung zeigt, wer zuordnet. Sie ist nur passend, wenn das Forschungsteam diese Aufgabe tatsächlich übernommen hat. Erfinde beim Wechsel ins Aktiv keinen Handelnden. Auch „Sichtung“ muss nicht zwangsläufig verschwinden: Im Beispiel hält das Nomen den ersten Schritt knapp. In einer Methodenüberschrift kann „Auswertung der Protokolle“ ebenfalls sinnvoll sein.
4. Ordne die Informationen vor dem Kürzen
Nimm einen Satz mit mehreren Aussagen und schreibe jede zunächst einzeln auf. Entscheide dann, welche Information zuerst nötig ist. Der eigene Beispielsatz lässt sich so in eine Beobachtung und einen gesonderten Arbeitsschritt zerlegen.
Ausgangssatz: „Die im Frühjahr befragten Mitarbeitenden, deren Antworten nach Arbeitsbereichen zusammengefasst wurden, nannten insbesondere bei Übergaben, die ohne gemeinsame Checkliste stattfanden, Informationslücken, deren Ursachen anschließend in Gesprächen untersucht wurden.“
Überarbeitung: „Die im Frühjahr befragten Mitarbeitenden berichteten insbesondere bei Übergaben ohne gemeinsame Checkliste von Informationslücken. Ihre Antworten wurden nach Arbeitsbereichen zusammengefasst. Anschließende Gespräche dienten dazu, mögliche Ursachen zu untersuchen.“
Die neue Fassung trennt die Schritte. Sie legt keine Ursache fest und behält die Information zur Gruppierung. Prüfe nach jeder Teilung, ob Zeitfolge, Bezug und Einschränkungen noch stimmen. Ein kürzerer Satz ist nur hilfreich, wenn er deinen Gedanken richtig wiedergibt.
5. Überarbeite einen Absatz mit drei Markierungen
Wähle einen eigenen Absatz und markiere drei Arten von Stellen: unbestimmte Begriffe, Wörter mit starker Aussage und unklare Handlungen. Bearbeite zuerst die Stelle, die dein Argument am stärksten beeinflusst.
Übungssatz: „Die Durchführung der Optimierung führte offensichtlich zu einer erheblichen Verbesserung der Zusammenarbeit.“
- Was wurde verändert? Ersetze „Optimierung“ durch die konkrete Maßnahme.
- Woran erkennst du eine Verbesserung? Nenne dein Beobachtungskriterium.
- Was verbindet Maßnahme und Ergebnis? Prüfe, ob „führte zu“ durch dein Material gedeckt ist.
Eine mögliche Fassung mit angenommenem fiktivem Material: „Nach Einführung eines gemeinsamen Übergabeprotokolls berichteten acht der zehn Befragten von weniger Rückfragen.“
Diese Fassung ist kein allgemeines Lösungsmuster. Sie passt ausschließlich zu den angenommenen Angaben. In deinem Text ersetzt du jedes Detail durch deine eigenen belegten Informationen oder lässt die Aussage offen.
6. Prüfe Inhalt, Struktur und Sprache getrennt
Das Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien empfiehlt in Überarbeitung und Feedback, zunächst Aufgabe, Inhalt und Aufbau zu prüfen und danach Sprache und Formalia. Daraus lässt sich diese kurze Prüfroutine ableiten:
- Deckt der Absatz die Frage ab, die er beantworten soll?
- Sind Beobachtung, Interpretation und offene Punkte unterscheidbar?
- Bleiben Fachbegriffe, Bezüge und Aussagegrenzen klar?
- Hat jede übernommene Information den erforderlichen Beleg?
- Stimmt die Überarbeitung noch mit deinem Material überein?
Für „ich“, Passiv oder andere Stilentscheidungen gibt es keine Regel, die jede Fachrichtung gleich behandelt. Prüfe die Vorgaben deiner Einrichtung oder Publikation. Entscheidend bleibt, dass dein Gedankengang nachvollziehbar ist und du die Verantwortung für deinen eigenen Text behältst.
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